Als er spürt, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist und er in die Mühlen der Medizin gerät, beginnt er, Tagebuch nicht zu schreiben, sondern zu sprechen. Es ist unter dem Titel "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!" erschienen.
"Ich hab' keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln." '...' "Das ist eben das Paradox mit Gott. Da ist einer weg, ist nicht da, aber trozdem ganz nah bei uns. Wenn jemand nicht da ist, dann ist er vielleicht einfach das Ganze. Wenn jemand da ist, dann sieht man, dass sein Haaransatz zurückgeht oder er beim Reden lispelt. Wenn jemand da ist, dann sieht man die Bescherung. Deshalb ist Gott lieber nicht da. Dann kann er alles sein und selbst in seiner Abwesenheit anwesend sein."
Dabei stelle er sich Fragen wie "Wer ist man gewesen? Ist man der geworden, der man sein wollte?"
Diese Fragen lassen auch den Künstler Christoph Schlingensief nicht mehr los, "seitdem er jeden Morgen mit dem Stoppschild 'Krebs' vorm Gesicht aufwachen muss". Aber Schlingensief blicke auch nach vorne, auf sein Herzensprojekt, das "Operndorf" in Burkina Faso, mit Wohnungen, Werkstätten, Krankenstation, mit Schule und Film- und Musikklassen, das zurzeit in der Savanne Afrikas entstehe.
Er galt als einer der wichtigsten Künstler in Deutschland. Seine Inszenierungen und Filme waren wegen ihrer politischen und künstlerischen Radikalität oft umstritten. Christoph Schlingensief wurde am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geboren. Nach dem Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium Oberhausen studierte er ab 1981 in München Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Seine Karriere als Theaterregisseur begann Schlingensief 1993 mit dem Stück 100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen an der Volksbühne Berlin.
Als Film-, Theater- und Opernregisseur, Hörspielautor sowie Künstler gehörte er zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Kulturszene. Seine Arbeiten verwischen immer wieder die Grenze zwischen Politik und Kunst und provozieren öffentliche Diskussionen. Als Filmemacher wurde Christoph Schlingensief zunächst mit der zwischen 1989 und 1992 entstandenen "Deutschlandtrilogie" (u.a. Das deutsche Kettensägenmassaker) bekannt. Zu seinen Inszenierungen gehören u.a. "Parsifal" (Bayreuth 2004), "Der Fliegende Holländer" (Manaus 2007), "Jeanne d'Arc" (Berlin 2008) und "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" (Duisburg 2008). Im Fernsehen tauchte er ab 1997 auch als unberechenbarer Talkmaster ("Talk 2000") auf mit Gästen wie Hildegard Knef, Udo Kier oder Helmut Berger.
Schlingensief wollte die Grenzen zwischen Kunst und Realität aufbrechen. Er inszenierte mit Asylbewerbern, Obdachlosen oder Neonazis wie in den "Hamlet 2001" in Zürich. Zur Bundestagswahl 1998 forderte seine Partei "Chance 2000" die vier Millionen deutschen Arbeitslosen auf, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, um ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl zu fluten.
Überraschend für viele - der Provokationskünstler Schlingensief wird 2004 nach Bayreuth eingeladen. Opernfreunde hatten der Premiere mit Spannung entgegen gesehen und manch konservativer Wagnerianer auch mit Sorge. Monatelang wurde spekuliert, was das Enfant terrible der deutschen Theaterszene mit dem "Bühnenweihefestspiel" wohl anstellen würde. Nach turbulenten Probenwochen auf dem Grünen Hügel, die in einer vorübergehenden Abreise Schlingensiefs gipfelten, nahm das Rätselraten am 25. Juli ein fast überraschendes Ende: Schlingensiefs "Parsifal"-Inszenierung stellte Wagner nicht auf den Kopf, der erwartete Skandal bleibt aus. Seine Parsifal-Inszenierung wird ein voller Erfolg - beim Publikum und Kritikern. Schlingensief wird spätesten jetzt als ernstzunehmender Künstler wahrgenommen.
1986 drehte Schlingensief seinen Film "Menu Total". Eine karnevaleske Eltern-Polonaise treibt ausgelassen ihr Unwesen auf einer Picknickwiese in Mülheim an der Ruhr. Familienkrisen, Generationenkonflikte, unser kulturelles Erbe – eine interessante Mischung, in Schwarz-Weiß-Bildern gedreht und von Helge Schneider mit coolem Jazz musikalisch unterlegt. Das hört sich zunächst allerdings eher nach einem harmlosen Filmchen an. Doch so, wie Christoph Schlingensief seinen Film geschnitten hat, mit diesen brutalen versatzstückartigen Kollagen und Kontrasten, geht auch bei diesem Projekt richtig die Post ab!
Dass Schlingensief radikal blieb, zeigte die mediale wie theatrale Verarbeitung seiner Krebserkrankung in den letzten Jahren. In "Kirche der Angst" verhandelte er seinen eigenen Tod und eröffnete damit eine neue Dimension des Authentischen auf der Bühne.
Totz seiner Erkrankung stellte Christoph Schlingensief seinen Kampf gegen den Krebs ins Zentrum seiner Kunst. Nach der Krebsdiagnose fühlte sich der damals 47jährige von einem Moment auf den anderen vom normalen Leben ausgeschlossen. Er, der von sich und anderen immer Einsatz bis zum Rande der Möglichkeiten fordert, musste lernen "auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken."
Schlingensief reiste gemeinsam mit seiner Frau Aino Laberenz nach Kamerun, um einen Ort für ein Festspielhaus in Afrika zu suchen. Er ist fasziniert von Afrika - und von der Oper. Beides will er nun zusammenbringen. Zwischen Bayreuth und Afrika sieht er sowohl bei den Bauwerken, als auch bei den Kostümen Parallelen. "Wer hat hier wieder von wem geklaut?", fragt er. "Wir müssen einen Ort schaffen, indem wir etwas Afrika klauen, so die Idee." Der Regisseur hat für diese Projekt viele Unterstützer gefunden: allen voran das Goethe-Institut, Frank-Walter Steinmeier, die Kulturstiftung des Bundes und Sänger Herbert Grönemeyer. Seit Juli 2009 hat der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell Schlingensiefs Festspielhaus in Afrika unterstützt. Im Februar hatte er den Grundstein für das Operndorf in Burkina Faso gelegt. In Schlingensiefs Umfeld rechnen viele damit, dass das Auswärtige Amt das Opernprojekt auch weiter mit Geld unterstützen wird. Auf seiner Homepage wird um Spenden gebeten.
Nach einer neuen, schweren Krebsdiagnose sagte Schlingensief im Juli 2010 seine für das Kulturfestival Ruhrtriennale geplante Produktion S.M.A.S.H. – In Hilfe ersticken kurzfristig ab.
Willy Decker, Intendant der Ruhrtriennale:
"Christoph war ein unglaublich neugieriger, kraftvoller, energiegeladener Mensch - bis hin zur Ruhelosigkeit, immer auf der Suche und immer voller Pläne, ein Abbild des Lebendigen."
Fotos: Michael Kneffel Ver