Doch jetzt ist klar: Die Namen der Loveparade-Opfer sind im Duisburger Rathaus trotz der Äußerungen von Oberbürgermeister Sauerland bekannt, weil sie dem Standesamt vorliegen, berichtet die "NRZ". Das Amt habe pflichtgemäß die Sterbeurkunden erstellt. Die Stadt Duisburg habe auf Nachfrage eingeräumt, dies sei - so wörtlich - "dem Oberbürgermeister zum Zeitpunkt seiner Aussage nicht bewusst gewesen". Im WDR-Interview hatte sich Sauerland darüber beklagt, dass er nicht alle Namen der 21 Opfer kenne, die bei der Loveparade ums Leben gekommen waren.
Die Stadt Duisburg hat dem örtlichen Internet-Portal xtranews.de die Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten zur Loveparade-Katastrophe gerichtlich verbieten lassen. Es geht um 300 Seiten Briefe, Protokolle und Konzepte. Sie waren dem Gutachten einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei beigefügt, das diese im Auftrag der Stadt Duisburg erstellt hatte. Der Blogger Thomas Rodenbücher hatten 43 Schriftsätze ins Netz gestellt, die den Anhang zum 32-seitigen Zwischenbericht der Stadt bilden. In dem Bericht geht es um die Zuständigkeiten der Stadt bei der Loveparade, in den Anlagen fanden sich Protokolle und Pläne. Die Stadt selbst soll die Dokumente in Umlauf gebracht haben, die das Internetblog xtranews.de veröffentlichte. Die Stadt hatte die Veröffentlichung am Mittwoch per einstweiliger Verfügung gestoppt. Als die Unterlassung gekannt wurde, hatten andere Portale die insgesamt 43 Schriftsätze kopiert und bieten sie seitdem im Internet zum Herunterladen an. Der
DJV-Brandenburg bietet die Dokumente seit Mittwoch zum download an.
Die Stadt Duisburg beruft sich auf das Urheberrecht. Die unkontrollierbare Verbreitung der Dokumente sei nun faktisch nicht mehr zu unterbinden, sagte ein Stadtsprecher am Mittwochnachmittag. Die Stadt wolle gegen die Veröffentlichung keine weiteren juristischen Schritte unternehmen.

Der Duisburger Werner Hüsken sammelt Unterschriften zur Abwahl Adolf Sauerland
Foto: Neutzler 
Der Deutsche Journalisten-Verband hat die Stadt Duisburg aufgefordert, ihre restriktive Informationspolitik im Zusammenhang mit der Love Parade-Katastrophe zu beenden und statt dessen Journalistinnen und Journalisten tatkräftig zu unterstützen, die die Vorgänge rund um die Großveranstaltung aufklären wollen. DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken kritisierte insbesondere den Versuch der Stadt, die Veröffentlichung von Dokumenten zur Love Parade gerichtlich zu untersagen: "Statt Informationsblockade sollte die Stadt Transparenz herstellen."
Abwahl Sauerlands wird eingeleitet
Eine Duisburger Bürgerinitiative hat mittlerweile 8.600 Unterschriften gesammelt, um nach dem Loveparade-Unglück eine Abwahl von Oberbürgermeister Adolf Sauerland einzuleiten. Noch in dieser Woche soll die Liste dem Stadtrat übergeben werden. Der Rat muss dann laut Gemeindeordnung eine Abstimmung über die Abwahl ansetzen. Es gilt allerdings als unwahrscheinlich, dass die dann nötige Zwei-Drittel-Mehrheit im Rat erreicht wird.
Behörde prüft Loveparade-Bericht
Das NRW-Innenministerium läßt den von der Stadt Duisburg vorgelegten Bericht zum Loveparade-Unglück durch die Bezirksregierung auf Plausibilität und Vollständigkeit überprüfen. Innenminister Jäger sagte, das Papier lasse Fragen offen und werfe neue auf. So sei etwa unklar, wie die Stadt kontrolliert habe, dass der Veranstalter die ihm gemachten Auflagen tatsächlich einhielt. Der Bericht war auf der Innenausschusssitzung am 4. August vorgestellt worden und sollte die Stadt entlasten.
Sauerland lehnt trotz immensen öffentlichen Drucks einen Rücktritt ab. Angeblich will er von Warnungen vor der Loveparade nichts gewusst haben. Er hatte das Sicherheitskonzept verteidigt und das Unglück auf "individuelle Schwächen" zurückgeführt. Sauerland soll die ordnungsbehördliche Erlaubnis erst am Morgen des Unglückstags erteilt haben. Noch am Vortag soll in verschiedenen Sitzungen über das Sicherheitskonzept debattiert worden sein, Duisburger Berufsfeuerwehr und Polizisten sollen gewarnt haben. Die Stadt dementiert nicht, dass die Duisburger Bauaufsicht nur wenige Tage vor der Loveparade die Sicherheitsauflagen zu den Fluchtwegen gelockert haben soll. Das Sicherheitskonzept von Polizei und Feuerwehr soll als zu personalaufwendig verworfen worden sein. Bereits im März soll sich die frühere Leiterin des Duisburger Bauordnungsamtes geweigert haben, die Genehmigung für das Riesenfest zu unterschreiben. Danach sei sie versetzt worden, erzählen Insider. In einem internen Vermerk der Feuerwehr an Verantwortliche der Stadt soll die Feuerwehr bereits im Oktober 2009 klargestellt haben, dass es zu gefährlich sei, die Besucher des Spektakels durch die Tunnel zu schicken.
Rainer Wendt (Bundesvorsitzender Deutsche Polizeigewerkschaft) sah sich in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. "Ich habe vor einem Jahr Duisburg als ungeeignet für die Loveparade abgelehnt und bin dafür als Spaßverderber und Sicherheitsfanatiker beschimpft worden." Die Verantwortlichen seien besessen von der Idee gewesen, etwas für das gebeutelte Duisburg zu tun.
Thomas Wenner (früherer Bochumer Polizeipräsident) erstattete Anzeige gegen OB Sauerland und andere Beamte der Stadt Duisburg. Als Wenner noch im Amt war, wurde die für Bochum geplante Loveparade abgesagt. Eine solche Veranstaltung sei in Duisburg nie realisierbar gewesen, sagte Wenner.
Am deutlichsten wurde CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl. Der Fall liege "jetzt glasklar vor". Seiner Auffassung nach hätte die Duisburger Loveparade "nie und nimmer genehmigt werden dürfen", sagte er nach Prüfung des Auflagenbescheids.
In einer Trauerfeier haben Angehörige, Rettungskräfte und hohe Politiker am 31.07.10 in der Duisburger Salvatorkirche Abschied von den 21 Todesopfern der Loveparade genommen - ohne Duisburgs OB Sauerland.
"Natürlich stelle ich mir die Frage, ob man das Amt nach so einem tragischen Ereignis weiter ausüben kann. Aber diese Antwort werde ich erst dann geben, wenn ich die Antworten auf die uns alle bedrückenden Fragen habe.", so OB Sauerland im WDR-Interview
Sauerland, der seinen Rücktritt lange verpasst hat, lügt und steht im Weg: der Aufklärung, den Angehörigen der Opfer, den Journalisten und der Neuaufstellung einer ganzen Stadt.
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