Nach dem Tod von 21 Partygängern verschärft sich vor allem die Kritik am Sicherheitskonzept der Stadt Duisburg. Oberbürgermeister Adolf Sauerland will wegen der Katastrophe nicht zurücktreten. Von Sicherheitsbedenken habe er nichts gewusst. Wie genau konnte es zu dem verhängnisvollen Gedränge im Zugang zum Partygelände kommen? Auch Tage nach dem Unfall bei der Duisburger Loveparade ist das nicht sicher.
Währenddessen wächst der Druck auf Sauerland. Als er am Sonntag den Unglücksort besuchte, wurde er von einer aufgebrachten Menge beschimpft und mit Müll beworfen. Dass es Bedenken gegen das Sicherheitskonzept gegeben habe, hätte er nicht gewusst. "Mir sind keine Warnungen bekannt", sagte er der "Rheinischen Post". Nach Angaben der Essener WAZ-Gruppe stimmt dies jedoch nicht: Bereits vier Wochen vor der Love Parade habe das Bauordnungsamt massive Einwände gegen das Konzept erhoben. Dies gehe aus einem Sitzungsprotokoll vom 18. Juni hervor, das auch an Sauerland weitergeleitet worden sei.
Druck auf Sauerland wächst
Bochums früherer Polizeipräsident Thomas Wenner erstattete Anzeige gegen Sauerland. Die Love Parade sei in Duisburg nie realisierbar gewesen. Im vergangenen Jahr hatte Wenner die für Bochum geplante Love Parade wegen Sicherheitsbedenken abgesagt – Wenner war damals noch Polizeipräsident Bochums. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, fordert nun, dass es künftig eine Art TÜV für Großveranstaltungen geben müsse.
Schwere Vorwürfe
Die Profilierungssucht der Stadt Duisburg und eine amateurhafte Organisation hätten die Katastrophe ausgelöst – so sieht es Deutschlands führender Konzertveranstalter Marek Lieberberg. Das Konzept eines einzigen Ein- und Ausgangs sei «eine Todesfalle", erklärte er am Montag, sämtliche Grundlagen für Versammlungen seien missachtet worden. Auch seien viel zu wenige Ordner im Einsatz gewesen. Schwere Vorwürfe kamen auch aus den Reihen der Polizei: Die Toten und Verletzten seien Opfer «materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der «Kulturhauptstadt 2010» Druck ausgeübt habe, erklärte Wolfgang Orscheschek, der Vize-Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft bereits am Montag - jetzt bekräftigte er diese Kritik.
Veranstalter gibt Polizei Mitschuld
Der Love Parade-Veranstalter Rainer Schaller gab hingegen der Polizei eine Mitschuld: So habe sie alle Schleusen öffnen lassen, wodurch der Besucherstrom unkontrolliert in den Tunnel gelangt sei. Die Polizei in Köln bezeichnete dies jedoch als verfrühte Spekulation - die Kölner Beamten leiten die Ermittlungen zu der Katastrophe.
Polizei übt scharfe Kritik
Nach Informationen von Spiegel online hatten Polizei und Feuerwehr in Duisburg ein eigenes Sicherheitskonzept für die Love Parade entwickelt, mit dem sie sich jedoch nicht durchsetzen konnten. Das Konzept sollte Nadelöhrsituationen verhindern – doch der Plan hätte sehr viel mehr Personal erfordert und sei von der Verwaltung abgelehnt worden. Der Veranstalter der Loveparade hat zahlreiche Zusagen nicht eingehalten und trägt somit "viel Verantwortung" für die Katastrophe am Samstag. Zu diesem Schluss kommt NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) nach einem Polizeibericht.
Vorwürfe gegen Veranstalter
Nach Einschätzung der Landesregierung trägt der Veranstalter der Loveparade eine große Schuld an dem Unglück mit 21 Toten. Demnach soll sich die Lopavent GmbH um den Fitnessunternehmer Rainer Schaller mehrfach über Bedenken der Behörden hinweggesetzt haben. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger will am Nachmittag einen vorläufige Bericht veröffentlichen. Unter anderem sollen von dem Veranstalter weniger Ordner als angekündigt eingesetzt worden sein.
Hätte die Katastrophe verhindert werden können?
Ein internes Dokument der Duisburger Stadtverwaltung zur Vorbereitung der Love Parade zeigt Spiegel online zufolge gravierende Sicherheitsmängel: So sei das Gelände für die Feier auf 250.000 Personen begrenzt gewesen, obwohl die Veranstalter mit deutlich mehr als einer Million Besuchern rechneten. Zudem sollen in einer Dienststelle der Bundespolizei sämtliche Unterlagen zur Love Parade gelöscht worden sein, wie Einsatzbefehle oder Karten. Dem widersprach die Bundespolizei: Alle Unterlagen seien vorhanden und könnten eingesehen werden, erklärte ein Sprecher.
Internet-Forum zählt Loveparade-Teilnehmer
Im Internet hat sich ein Forum gegründet, das die Anzahl der Teilnehmer an der Loveparade in Duisburg ermitteln will. Die Besucher werden auf der Homepage aufgefordert, sich als Teilnehmer zu registrieren. Unter www.loveparaderavercount.de haben sich seit Sonntag mehr als 102.000 Menschen gemeldet. Die Initiatoren bezweifeln die offiziell bekannt gegebene Teilnehmerzahl von 150.000 Besuchern.
Bundesweite Trauerbeflaggung angeordnet
Zum Gedenken an die Opfer der Duisburger Loveparade werden alle Bundesbehörden am Samstag trauerbeflaggt, d.h. die Fahnen wehen auf Halbmast. Dann findet die offizielle Trauerfeier ab 11 Uhr in der Salvatorkirche in Duisburg statt. An der Zeremonie werden neben der Landesregierung auch Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Wulff teilnehmen. Mittlerweile starben 21 Menschen nach einer Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg.
Starke Nachfrage bei Kondolenzbuch
In Duisburg nutzen weiterhin viele Menschen die Möglichkeit, sich in das von einem Stadtteilverein ausgelegte Kondolenzbuch im Unglückstunnel der Loveparade einzutragen. Das erste Exemplar sei bereits voll, bis Freitag soll noch ein zweites Buch im Rahmen der Mahnwache zur Verfügung stehen, teilte eine Sprecherin der Organisatoren mit. Bis dahin wird mit rund 5000 Unterschriften gerechnet. In das offizielle Kondolenzbuch im Duisburger Rathaus haben sich seit Montag rund 130 Personen eingetragen.
Nie wieder Love Parade
Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat am Sonntag Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Am Samstag war eine Massenpanik ausgebrochen: Der einzige Zugang zum Veranstaltungsgelände führte durch einen Tunnel. Wegen der Tragödie entschied der Veranstalter, nie wieder eine Love Parade zu organisieren. Am Samstag soll ein Trauergottesdienst für die Opfer stattfinden.
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