Deutschland ist geschockt von der Tunnel-Tragödie und stellt sich eine Frage: Wie konnte es dazu kommen?
Ich war kurz nach der Tragödie an diesem Zugang und im Tunnel - Kuvi hat jedoch darauf verzichtet, das Bildmaterial zu veröffentlichen. Am Montag wird gegen 23:00 Uhr geklärt - ob wir die komplette Galerie von den Contentseiten nehmen. - Ein Bericht von Thomas Neutzler.
Ich war am Samstag bereits um 10:30 Uhr auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Duisburg. Im Schlepptau einen jugendlichen Mitarbeiter von "Schulze" - einer jungen Donnerstags-Beigabe der Borkener Zeitung. Die ersten Eindrücke suggerierten uns: Hier kann die Loveparade stattfinden - wir machen uns einen schönen Tag. Es sollte alles anders kommen.
Ich und mein Helfer waren für vier unterschiedliche Medien vor Ort. Nach Fotopass-Ausgabe und einigen Fototerminen haben ich und mein junger Kollege, die ersten Fotos gegen 12:30 Uhr an zwei Redaktionen versendet. Ein Foto zeigt den noch gut gelaunten Geschäftsführer der McFit-Fitnesskette und Loveparadeverantwortlichen Rainer Schaller. Eine ganz entspannte und normale Situation für alle Fotografen und Journalisten.
Gegen 11:00 sind wir zur kleinen Bühne - der "Pioneer Love-Stage" gelaufen, um einen Termin mit einem dort aufretenden DJ zu besprechen. Kurze Zeit später sahen wir die ersten Besucher auf dem Gelände. Von Panik oder Überfüllung keine Spur. Ab 14:00 Uhr wurde gefeiert und getanzt. Die Leute waren gut drauf und zeigten sich von der besten Seite - auch wenn Sie fotografiert wurden. Es war meine dritte Loveparade.
Wie der Kollege und Fotograf, Michael Kneffel mir heute am Telefon sagte - hätten wir alle besser zuhause bleiben sollen.
Am Sonntag-Abend habe ich jedoch meine Meinung geändert - es war gut vor Ort zu sein. Als Konzert und Eventfotograf bin ich weitab von Paparazzi-Bildern oder auch Unfalldokumentationen. So kam es, dass mir erst der junge Mitarbeiter die Infos gab, dass es Tote bei einem Panikausbruch gegeben haben soll. Dank Twitter, Facebook und Handy.
Wir standen etwa 50 Meter vom dem Ort entfernt, an dem sich die Tragödie abspielte. Ich brauchte eine Bestätigung. DDP, der Kollege von der DPA und "Bild" waren nicht zu sehen - Handynetze ausgefallen. Waren sie bereits in oder an diesem verdammten Tunnel? Die Unruhe trieb mich an den Rand des Geschehens. Das Foto welches der junge Schulze-Reporter dort machte, wird am Montag in der Borkener Zeitung zu sehen sein.
Abgrenzungen, die nicht mehr da waren, weinende Festivalbesucher und Chaos. Wir mussten hier weg - sofort. Auf dem Weg zur Presselounge habe ich versucht ruhig zu bleiben. In Gedanken - was wir jetzt machen sollen. Den jungen Mann habe ich im Pressebereich abgesetzt und bin allein dann doch mit der kompletten Ausrüstung zu diesem Eingang. Ich war leer im Kopf - kann mich an die Musik nicht mehr erinnern und habe keine Gesichter gesehen - nichts mehr von der Party wahrgenommen. Ich wusste - wenn ich dort bin - sehe ich etwas Schreckliches.
Polizisten und Verantwortliche, die ich dann doch per Telefon erreichte, hüllten sich in Schweigen und verschanzten sich hinter allgemeinen Aussagen. Auf dem Weg zum Tunnel traf ich Kollegen - die mir die Tragödie bestätigten. Vorbei an Absperrungen und Polizei stand ich nun da.
Es war mir sofort klar - hier war etwas Grausames passiert. Ich habe 129 Bilder gemacht. Ein Bild der Verwüstung im Neonlicht. Das Leid der Opfer erschütterte selbst erfahrene Retter: Polizisten und Sanitäter weinten. Mit war übel - hatte aber das Gefühl - diese Fotos werden vielleicht mal gebraucht. Nur eins davon habe ich an eine Lokalredaktion gesendet. Es zeigt den verwüsteten, fast leeren Tunnel mit einem einzelnen Kapuzenjacke als "Blickfang". Diese Kapuzenjacke und viele andere Fotos kriege ich nun nicht mehr aus meinem Kopf. Augenzeugen berichteten mir von dramatischen Szenen, während das umzäunte Partygelände wegen Überfüllung geschlossen worden war. Menschen seien im Tunnel von hinten nachgedrängt, während vorne niemand mehr auf das Gelände gekommen sei. Mehrere Besucher seien umgekippt, und schließlich hätten viele übereinanander gelegen. Um sich selbst zu retten, seien Menschen über die Körper anderer hinweggelaufen.
Ich war etwa 30 Minuten an diesem Ort. Vorbei an den feiernden Gästen - zurück in den Pressebereich. Dort angekommen herschte eine entspannte Stimmung: Journalisten saßen am Computer um Fotos zu bearbeiten und Texte zu schreiben, eine Truppe junger Fotografen von den "Lokalisten" lachte. Nur einigen Kollegen war anzusehen - was sie vor einigen Minuten gesehen hatten. Ein Fotograf hatte rote Flecken im Gesicht. Die Vetretung einer großen Presseagentur saugte so stark an seiner Zigarette, dass die zwei Zentimeter lange Asche nur aus Glut bestand. Ich stand am Eingang und kaute Nägel. Nach und nach kamen die Journalisten in den Pressebereich, um das Material vom Drama am "Nadelöhr" an die Redaktionen zu senden.
"Passt du mal kurz auf meine Klamotten auf - ich muss mal!?", fragte mich ein Fotograf. Geht der jetzt pinkeln, braucht der Ruhe - oder muss er sich vielleicht übergeben? Er war früher am Schreckensort. Ich habe später seine Fotos gesehen. Kein Medium wird diese Auswahl veröffentlichen. Sie sind aber ein Dokument des Geschehens und tragen vielleicht dazu bei - die Katastrophe aufzuklären. Dieser Fotograf hat einen tollen, wichtigen Job gemacht. Jetzt war es auch für mich richtig an dem Ort der Tragödie gewesen zu sein.
Mein junger Helfer und ich hatten keine Lust mehr auf Loveparade. Wir haben alles zusammengepackt und haben uns um 19:oo Uhr auf dem Weg zum Bahnhof gemacht. Was wir dort erlebten war nochmal Chaos pur. Wer mir heute sagen möchte - es waren 100.000 oder 300.000 Besucher in Duisburg - dem zeig ich einen innerlichen Vogel. Die Stadt und der Bahnhof waren so voll - dass sich dort etwa 200.000 Menschen aufhielten.
Der Kollege und Ruhrtriennale-Fotograf Michael Kneffel beschreibt das Chaos in einem Telefonat mit mir: "Bei mir drängte sich nicht gerade der Eindruck einer guten Organisation auf. Mit mir strömten etwa gegen 16:00 Uhr erstaunlich viele Menschen zurück zum Hauptbahnhof, gleichzeitig zogen noch Massen zum Gelände. Es fuhren keine Züge aus Duisburg raus. Die Stimmung war gereizt und es lag viel Aggressivität in der Luft, die sich unmittelbar neben mir plötzlich in einer Schlägerei entlud. Ich hatte das Gefühl, wenn das so weiter geht - passiert etwas Schlimmes. Die Loveparade in Duisburg - ein absolutes Chaos!"
Wir erlebten noch Schlimmeres. Wir wurden von der Polizei über Nebenstrassen zum Bahnhof geleitet. An einer Wand standen etwa 20 Raver um ihre Notdurft zu verrichten. Der Haupteingang gesperrt - leitete uns die Polizei zu einem Nebeneingang. In einem Tunnel, der zu diesem Eingang führte, waren tausende, oft auch betrunkene Raver - die laut irgendwelche Fussballlieder sangen. "Scheiß Duisburg --- ole, ole, ole". Auch hier gab es Schlägereien. Nachdem ich sah, dass auf der anderen Seite des Tunnels ebenfalls tausende Leute in den Bahnhof hinein wollten - haben wir uns schnell dazu entschlossen, den Tunnel zu verlassen und wieder auf das Pressegelände der Loveparade zurückzukehren - einen der wenigen sicheren Bereiche in Duisburg.
Neben der Presselounge im Vip-Bereich, gab es kostenlose Getränke und eine Fastfootkette belieferte die "wichtigen Gäste" mit Hamburgern. Um etwa 21:00 feierten die Leute in diesem Bereich, als sei nichts geschehen - mit Ausblick auf's Hauptdj-Pult und die feiernden Raver. Eine bizarre Situation!
Ob die Entscheidung richtig war - die Loveparade nicht zu beenden - kann ich nicht beantworten.
Natürlich bekunden nun Politiker und Bundespräsident Christian Wulff ihr Beileid und forderen eine Aufklärung. Sogar Papst Benedikt XVI. sprach vom "großem Schmerz".
Mir sind bei den Recherchen etliche Fotos und Videos von dem Loveparade-Drama begegnet. Was man darauf sah, zeugte von einer ungeheuerlichen Grausamkeit.
Den Tunnel als einzigen Ein- und Ausgang für eine Veranstaltung mit mehr als 1.000.000 Besuchern zu benutzen ist und bleibt - nach meiner Ansicht - ein großer Fehler und kostete am Samstag 19 Menschen das Leben. Wer die Loveparade in Essen, Dortmund oder Berlin gesehen hat - wusste, das kann nicht gut gehen. "Hier gibt es bald Tote", schrieb ein Parade-Besucher um 16:12 Uhr in seinem Twitteraccount.
Wie ich Sonntagnachmittag über ein Fax erfuhr, wurden alle 19 Todesopfer der Loveparade identifiziert. Es handelt sich bei den Opfern um elf Frauen und acht Männer. Elf Menschen stammen aus Deutschland. Acht andere Personen sollen laut Mitteilung aus Bosnien-Herzegowina, Australien, Italien, Spanien, China und den Niederlanden stammen. Die deutschen Getöteten kamen aus Gelsenkirchen, Münster, Düsseldorf, Castrop-Rauxel, Bad Oeynhausen, Bielefeld, Mainz, Lünen, Hamm, Bremen, Steinfurt und Osnabrück.
In einer heutigen Pressekonferenz, die meiner Meinung nach eine Farce war, saßen alle für diese Tragödie Verantwortlichen an einem Tisch - Verantwortung übernommen hat keiner. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland brachte seine Erschütterung und sein Mitgefühl mit den Opfern und deren Angehörigen zum Ausdruck: Antworten gab er jedoch nicht. Der Veranstalter Rainer Schaller erklärte, dass es die Loveparade nicht mehr geben wird. Sauerland appellierte, "den ermittelnden Behörden Zeit lassen, ihre Arbeit zu tun und keine voreiligen Schuldzuweisungen zu machen".
Die Polizei hat laut "Spiegel Online" heute eine "Säuberungsaktion" gestartet. Dabei sollen Einsatzbefehle und Meldungen, sowie deren E-Mail-Accounts von den Computern gelöscht worden sein. Die Polizei wies den Bericht zurück. Die Unterlagen sind nicht gelöscht und können bei Bedarf eingesehen werden, so ein Sprecher der Bundespolizei.
105.000 oder 1,4 Millionen Besucher?
Wie "Spiegel Online" weiter berichtet, war das Gelände in Duisburg lediglich für 250.000 Menschen freigegeben. Der Spiegel berichtet von einem entsprechenden Schriftstück mit dem Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026. Dezernent Wolfgang Rabe betont, dass das Gelände in Duisburg größer gewesen sei, als das in Dortmund. Dort hatte die Loveparade 2008 mit angeblich 1,6 Millionen Besuchern stattgefunden. Die Veranstalter haben mir zwei Stunden vor dem Unglück mitgeteilt, dass etwa 1,4 Millionen Besucher vor Ort seien. Auf ein Schuldeingeständis von Schaller, Sauerland und dem Sicherheitsdezernenten Rabe kann gewartet werden.
Kurz vor der Tragödie war Sauerland im Lagezentrum am ehemaligen Güterbahnhof in Duisburg. Von dort aus konnte der Oberbürgermeister (CDU) das Geschehen auf dem Loveparade-Areal sehr gut verfolgen. Er sagte dem WDR: "Im letzten Jahr hat das ja nicht geklappt. In diesem Jahr waren wir einfach im Zwang es hinkriegen zu müssen. Denn sonst wäre wahrscheinlich die Loveparade entgültig gestorben."
Vor einem Jahr hatte die Stadt Bochum es abgelehnt, Gaststadt der Loveparade zu sein - aus Sicherheitsgründen.
"The Art of Love" - Ohmacht und Wut.
Ich habe ein tiefes Mitgefühl mit den Opfern und deren Angehörigen.
Tho