Sie ließen sich von winterlichen Temperaturen nicht abhalten. Ein gelungener Start, besser hätte es nicht kommen können, so das Fazit der Geschäftsführer der Ruhr 2010. Die Meteorologen überboten sich im Vorfeld der Eröffnungsfeier mit düsteren Prognosen: Trotz Unwetterwarnung hatten sie entschieden, das zweitägige Kulturfest auf dem gesamten Gelände von Kokerei und Zeche durchzuziehen.
Am 9. Januar 2010 startete die Kulturhauptstadt - den unwirtlichen Wetterbedingungen trotzend - mit einem Freiluft-Eröffnungs-Fest auf der Zeche Zollverein durch. Eine Party im Pott für 1200 geladene Gäste, die anschaulich, aber auch klischeehaft die Geschichte der problembeladenen Region vorführte. Dem zollten auch die Ehrengäste viel Lob. Pünktlich zum Kulturfest hörte es auf zu schneien, nachdem Bundespräsident Köhler, EU-Kommisionspräsident Barroso und Herbert Grönemeyer mit seiner Ruhr-Hymne den offiziellen Startschuss gegeben hatten. Märchenhafte Winterstimmung und gute Laune gab’s auch am Sonntag überall, auch wenn manch einer in die überfüllten Hallen zu Comedy und Konzert nicht mehr hineinkam.

Ruhrmuseum / Foto: Neutzler
Das neueröffnete Ruhrmuseum in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein ist so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt des Kulturjahres. Hier im restaurierten Industrieveteranen wird im passenden Ambiente der Mythos Ruhrgebiet als Schmelztiegel der Nation packend und überzeugend zelebriert. Das Lichtkunst Museum in Unna ist ein anderes Highlight, das die Kulturhauptstadt schmückt - aber letzten Endes mit fremden Federn. Denn diese Adresse hat, wie auch das neuerbaute Folkwang Museum, nur indirekt mit dem Kulturhauptstadtjahr zu tun. Lichtinstallationen von Künstlern wie Keith Sonnier, James Turrell oder Olafur Elliason stehen als Highlights exemplarisch dafür wie sich das Ruhrgebiet für die Zukunft neu erfinden kann, ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen.
20 Kunstmuseen der Region haben sich unter der neuen Dachmarke RuhrKunstMuseen (RKM) zusammengeschlossen. Mit ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im Rahmen von "RUHR.2010" sollen zugleich nachhaltige Kooperationsformen und neue Wege der Kunstvermittlung entwickelt werde. Das 224 Seiten dicke, rekordträchtige Programm-Buch enthält 2500 Veranstaltungen. Teilweise auf die Einwohner des Ruhrgebietes, aber auch mit spektakulären Kulturleuchtürmen auf internationale Event-Touristen abzielend.
"Local Heroes - 52 Wochen, 52 Städte". Bei Local Heroes steht jede Stadt der Metropole Ruhr jeweils eine Woche lang im Scheinwerferlicht der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010. Als Local Hero No. 1 präsentiert sich Dinslaken noch bis zum 16. Januar. Ob Stadtfeste, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen - Gemeinsam mit den Bürgern und Kulturschaffenden der Städte wurden Projekte entwickelt, die das kulturelle Profil der Stadt darstellen. Das Schlusslicht unter den lokalen Heroes bildet die Stadt Hünxe.

Ritter Rost / Foto: Neutzler
Ritter Rost zeigt Kindern seine Heimat
Die alten Kohlebergwerke sind nicht mehr in Betrieb, und weil sich die Kultur noch nicht in allen breitgemacht hat, rosten manche ein bisschen vor sich hin. Klar, dass sich Ritter Rost im Ruhrgebiet mehr als wohlfühlt. Gleichzeitig ist er ziemlich stolz auf seine Heimat - die er vor allem Kindern während des Kulturhauptstadtjahres zeigen will. Die Kinderbuchfigur von Jörg Hilbert ist der offizielle Kinderbotschafter von Ruhr2010.
Die Autobahn als Stillleben: Am 18. Juli wird die wichtige Ruhrgebietsautobahn A 40 zwischen Duisburg und Dortmund gesperrt. Statt im Auto dahinzubrausen, können es sich die Besucher auf der A 40 richtig gemütlich machen. Auf der Strecke Dortmund - Duisburg werden auf 60 Kilometern 20.0000 Tische aufgestellt. So entsteht die längste Tafel der Welt.
Aber so eine Tafelrunde ist natürlich nichts ohne Programm. Wer sich niederlässt, soll etwas mitbringen: Musik, Tanz, Kabarett oder einfach nur typisches Essen. Auf der Gegenfahrbahn kann man übrigens unterwegs sein: mit allem was Räder hat, aber keinen Motor.
"Odyssee" im Ruhrgebiet
Seit dem Jahr 2009 tragen jeweils ein alter und ein neuer EU-Mitgliedstaat den Titel Kulturhauptstadt Europas. Zusätzlich kann ein Anwärter auf die EU-Mitgliedschaft damit ausgezeichnet werden. 2010 sind das neben Essen die Stadt Pécs in Ungarn und die Bosporus-Metropole Istanbul. Ziel der Benennung ist es laut Kriterienkatalog der Europäischen Union unter anderem, ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu fördern.
Den europäischen Gedanken greifen verschiedene Projekte im Veranstaltungsjahr auf. Ein Höhepunkt soll eine Kooperation von sechs Schauspielhäusern im Ruhrgebiet werden, die die "Odyssee" von Homer zu einer großen Gesamterzählung verknüpfen wollen. Sechs Autoren aus Polen, Ungarn, Österreich, Irland, Deutschland und der Türkei, darunter Péter Nádas und Roland Schimmelpfennig, haben das Werk neu interpretiert. Das Publikum begibt sich auf eine Reise von Theater zu Theater - wie auf einer Irrfahrt durch die Licht- und Schattenwelt einer Stadtlandschaft.
Für den rein künstlerischen Etat stehen der Kulturhauptstadt gut 62 Millionen € zur Verfügung.
Tho