Münsterland, Deutschland. Die katholische Kirche in Deutschland hat im vergangenen Jahr offenbar so viele Mitglieder verloren wie noch nie. Nach Informationen einer christlichen Wochenzeitung traten rund 180.000 Katholiken aus der Kirche aus - fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr.
Immer mehr Menschen kehren der katholische Kirche den Rücken. Die Zahl der Kirchenaustritte ist auf ein Rekordniveau angestiegen. Und jeder abtrünnige Gläubige bedeutet für die Kirche auch weniger Geld.
Das Obskure daran ist, ein Kirchenaustritt kostet oft Gebühren. Einige Kommunen kassieren bis zu 60 Euro. Der hohe Preis, das geben selbst Gemeindevertreter offen zu, soll die Kirche vor Austritten und damit verbundenen Geldeinbußen schützen. Es ist nicht der einzige Versuch, Kirchenmitglieder und Einnahmen zu halten. Wer etwa denkt, er sei erfolgreich ausgetreten, kann bald eines Besseren belehrt werden.
So mancher, der sich längst als konfessionslos wähnt, wird nach einem Umzug plötzlich von der neuen Kirchensteuerstelle angeschrieben. Kann er seine Austrittsurkunde dann nicht mehr vorweisen, fordert die Kirche zum Teil die Kirchensteuer nach - in Einzelfällen bis zu sechs Jahre rückwirkend. Das ist durchaus rechtens, denn die Beweislast liegt beim Ausgetretenen.
Gründe für die Austritte sind die Missbrauchsfälle
Nicht erst seit zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt geworden sind, vor einigen Jahren in Österreich, dann in Irland, in Deutschland und den Niederlanden, befindet sich die katholische Kirche in Europa in einer tiefen Krise. So vertrauen ihr beispielsweise nur noch 11 Prozent der deutschen Bürger, obwohl offiziell 26 Millionen Menschen dazugehören. Inzwischen sind Fälle von Missbrauch aus den 1990er Jahren bekannt geworden. Doch der Vatikan reagiert Kommentatoren zufolge immer noch zu langsam. Das Misstrauen gegenüber der Kirche wächst und die Kritik am Zölibat wird lauter. Der Vatikan hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zehn Jahren von rund 3.000 Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche erfahren. Dem Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation Charles Scicluna zufolge sollen zehn Prozent pädophile Übergriffe Geistlicher gewesen sein, der größte Teil hingegen «gleichgeschlechtliche Kontakte» zwischen Geistlichen und Schülern, die bereits über 15 Jahre alt waren.
Während die Kirche noch mit sich selber ringt, wenn es darum geht, die Missbrauchsfälle an einem Runden Tisch - auch unter Teilnahme von Opfern - zu besprechen, ist man im Falle von missbrauchten oder misshandelten ehemaligen Heimkindern einen Schritt weiter. Zumindest äusserlich. Denn immerhin gab es zur Aufarbeitung dieser Fälle bereits sechs «Runde-Tisch-Treffen». Doch die Opfer und deren Vertreter sind mit den bisherigen Ergebnissen alles andere als zufrieden.
Missbrauchsopfer bekommen eine Mini-Entschädigung
An die katholische Kirche haben im Bistum Münster bislang 33 Menschen einen Entschädigungsantrag wegen sexuellen Missbrauchs gestellt. 28 Anträge sollen inzwischen an die zentrale Koordinierungsstelle in Bonn weitergeleitet worden. Die Kirche will den Opfern sexueller Übergriffe durch Seelsorger bis zu 5000 € zahlen, in Einzelfällen auch mehr.
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