Borken. Sie mögen Kabarettisten, die geistreich Politik und Alltag hinterfragen? Das Ganze sehr ruhig erzählt - mit Niveau und trotzdem brüllend komisch? Dann haben Sie sicher den fulminanten Donnerstagabend mit Hagen Rether verbracht! Nein?
Wäre gestern Silvester gewesen, hätte der Ausnahme-Kabarettist Hagen Rether bestimmt eine Rakete um Punkt 0.00 Uhr gezündet. So aber war bereits gegen 23:35 Schluß. 190 Minuten dauerte sein Auftritt. In Worten - einhundertneunzig.
Eiskalt serviert Hagen Rether ausgekochtes politisches Kabarett mit einer groben Kompromisslosigkeit, die kein anderer Kabarettist so bringt. Wenn er mit sanften Worten seine Sicht zu aktuellen politischen Debatten darlegt, bleibt einem das Lachen schon mal im Hals stecken. Geradezu gelassen legt er offen, wie die Ungerechtigkeiten der Welt funktionieren. Dabei bleibt keiner verschont - schon gar nicht Guttenberg "die Sau".
"Liebe", so der seit Jahren konstante Titel des Programms, macht ein defektes System sichtbar und klärt uns über dessen Abgründe auf.
Neulich wurde Rether auf der Straße angesprochen. "Wissen Sie was unser Problem ist? Die Juden bauen zuviele Moscheen." Es bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Er schweigt sekundenlang, manchmal mit vors Gesicht geschlagenen Händen. In sich versunken sitzt er auf am Flügel und spielt und spielt - bis jemand "Pause" ruft. Wahrscheinlich war es jemand aus Wuppertal, oder Kassel, oder Bochum, oder Essen und kannte sich bestens mit der Situation aus. Ich frage mich, wie lange würde Rether Klavier spielen, falls keiner "Pause" rufen würde?
Religion könnte aus seiner Sicht auf zwei Grundprinzipien reduziert werden: Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe. Das war's.
Das war's auch für einige Gäste nach der Pause. Wenige schienen mit seiner Abrechnung mit den Weltreligionen nicht im Einklang und gingen in der Pause. Dabei gings im zweiten Teil erst richtig zur Sache der "Pabst hinter Panzerglas - was ist denn das fürn Gottvertrauen" und der Dalai Lama als "Peter Lustig für enttäuschte Christen".
Natürlich hat Rether recht und jeder sollte im Jahr 2012 wissen, auf was er sich da einlässt. Ich jedenfalls würde mit meiner Oma nicht zu Hagen Rether gehen.
Dann doch lieber zu Gottschalk. Denn Rether passt es gar nicht, wenn Vorzeige-Schwieger-Opas mit blonder Mähne den Kindern einbläuen, dass Haribo Kinder froh macht.
"Haben Sie auch Angst vor dem Islam?", fragt Rether. Um dann von sechzigausend Deutschen zu sprechen, die jedes Jahr am Alkohol krepieren. "Haben Sie etwa Angst vor Riesling?"
Das Publikum hin- und hergerissen zwischen nachdenklichem Schlucken und Gelächter, zwischen entsetztem Staunen und Zustimmung, wird noch einige Tage brauchen, um Rethers Abend zu verdauen.
Hagen Rethers Programm heißt zwar immer "Liebe" - man sollte aber nicht meinen, es igendwann zu kennen! Rether scheint aus so einem Fundus an Ideen und Gedanken zu schöpfen, dass es sich bereits nach wenigen Monaten oder Wochen oder Tagen lohnt, das Programm wieder zu erleben. - "Oder was denken Sie weshalb ich hier so lange spiele - weil ich das kann"!
Insgesamt sieht Rether einfach nur einen Mangel an Liebe in uns und will eigentlich - wie immer - nur eins. "Passt auf eure Kinder auf".
Der Abend war Superklasse!
Info:
Hagen Rether wurde in Bukarest geboren, wuchs in Freiburg auf und lebt heute in Essen. Seit seinem achten Lebensjahr spielt er Klavier. Lange Jahre unentdeckt, gelang ihm 2004 mit seinem Solo-Programm "Liebe" der Durchbruch in seiner kabarettistischen Laufbahn. Seither hat er unzählige Preise erhalten u. a. den Schweizer Kabarett-Preis Cornichon 2010 und den Deutschen Kabarettpreis 2010. 2011 wurde er mit dem
Kleinkunstpreis "Bocholter-Pepperoni" geehrt.
Hei