Borken. Der Gymnasialprofessor Rath ist empört, dass seine Schüler Fotos der Tingeltangel-Sängerin Lola bei sich haben. Um Beweise für die Verderbtheit der Jugend zu sammeln, sucht er das Variete «Der blaue Engel» auf und verfällt der Schönen. Der Film, basierend auf dem Roman «Professor Unrat» von Heinrich Mann, machte «die Dietrich» zum Weltstar.
Josef von Sternbergs deutscher Filmklassiker wurde am Montagabend mit Gerd Silberbauer sowie Stefanie Mendoni u.a. auf den Brettern der Stadthalle Vennehof aufgeführt und sorgte für ein Theatererlebnis.
Eines Tages entdeckt er bei einem Schüler das Bild einer Tingel-Tangel-Sängerin, die in dem Hafenvarieté "Der blaue Engel" auftritt. Rath wittert sofort Unzucht und macht sich um weitere Beweise für die Verdorbenheit der Jugendlichen zu sammeln auf den Weg, um das verrufene Lokal in Augenschein zu nehmen.
Wer Gerd Silberbauer bereits in der Theateraufführung
Schachnovelle erleben durfte, sah wieder einen großartigen Schauspieler, der eine eindrucksvolle Studie über einen älteren Mann am Abgrund abliefert, der erst Weisheiten predigt und später an seiner großen Liebe erstickt.
Karel Spanhak hat für das Theaterstück einen nüchternen Bühnenraum geschaffen, der mit einem drehenden Teil und einer roten Gardine den schnellen Wechsel zwischen dem Gymnasium, der Garderobe und der Bühne des verruchten Etablissement "Der blaue Engel" erlaubt.
In der ihm fremden, verwirrend-erotischen Atmosphäre des Varietés begegnet er der ebenso betörenden wie respektlosen Lola-Lola, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Als Rath beschließt, sie zu heiraten, macht er sich bei seinem Arbeitgeber und in der Stadt unmöglich: Er schließt sich der fahrenden Künstlertruppe an. Nachdem Unrats Vermögen aufgebraucht ist, verliert Lola das Interesse an ihm.
Stefanie Mendoni als Lola tut dies mit den Waffen einer Frau und spielt offenherzig und ihre Reize aus: ein verdorbenes Unschuldskind des Tingeltangels, das vom Aufstieg träumt, sich aber verrechnet. Sie hält ihre unbekümmert-eigenwillige, vitale und zuweilen vulgäre Rosa Fröhlich in der Balance zwischen Berechnung und einer aufrichtigen Warmherzigkeit. Verführerisch macht sie sich frei und selbstbewusst vom Vorbild der Marlene, singt und spielt sehenswert eine persönliche Interpretation der viel strapazierten und zitierten Figur. Im Hollaender-Chanson "Ich weiß nicht, wohin ich gehöre" bringt die andere Dietrich berührend Ambivalenz, Einsamkeit und Sehnsucht von Lola auf den Punkt.
Silberbauer zeigt ergreifend die Wandlung des selbstgerechten Zuchtmeisters. Vor Lola wird der in Sachen Erotik wieder zum Schüler. Seinen Gefühlen ausgeliefert, wird aus dem Peiniger von Pennälern ein gedemütigter Clown und Spielball in den Händen der skrupellos ums Überleben kämpfenden Schmierenkomödianten um den Zauberer Kiepert (ein mieser Zuhältertyp: Peter Schmidt-Pavloff) und seine geschundene, pichelnde Frau (nicht mundtot zu kriegen: Judith Steinhäuser).
"Wenn sie nichts weiter hätte als ihre Stimme – es genügte, um dein Herz zu brechen", sagte Ernest Hemingway über Marlene Dietrich.
Gerd Silberbauer zeigt sich in Borken wieder in Höchstform, spielt den tragischen Niedergang des liebestollen Professors Unrat so überzeugend, dass das Publikum fast körperlich mitleidet. Feist und tragisch rührt er das Publikum bis an die Schmerz- und Schamgrenze.
Langanhaltenden und wohlverdienten Applaus für das komplette Ensemble.
Tho