Borken. Wie lange ein Mensch wach bleiben kann, hat der Amerikaner Randy Gardner Ende 1963 bewiesen. 264 Stunden oder 11 Tage wandelte der junge Mann in San Diego mit mehr oder weniger offenen Augen durch Tag und Nacht. Zwei Freunde dienten als Muntermacher. Nach Berichten von Augenzeugen reagierte er irgendwann missgelaunt auf seine Umgebung.
Als er sich endlich schlafen legte, wollten Reporter das Geheimnis seines Durchhaltevermögens ergründen - nach Ansicht von Gardner alles nur eine Frage des Willens.
Nach Ansicht von Dr. Thomas Westermann, leitender Fachbereichsarzt der Pneumologie und Schlafmedizin im Ahauser Krankenhaus, ist dieses Vehalten allerdings alles andere als Gesund. Schlafentzug schadet, weil er verhindert, dass sich Nervenzellen im Gehirn regenerieren können, so Westermann. Er referierte am Mittwochabend im Rahmen der Informationsreihe von der Borkener Zeitung "Der Traum vom guten Schlaf" vor 200 Zuhörern in der Stadthalle Vennehof.
Schlafstörungen hätten sich zu einer "Volkskrankheit" entwickelt. Sie sei häufig unterschätzt und mit den falschen Mitteln bekämpft worden. Die Länge einer Ruhepause ist nach Ansicht der Experten nicht entscheidend. Wichtig sei, dass Tiefschlaf und Traumschlaf ungestört ablaufen. Der eine sorge für die Entspannung des Körpers, der andere für die Erholung des Geistes.
Schon ein kleines Nickerchen hilft beim Lernengenauso wie der Schlaf einer ganzen Nacht. Bisher galt ein solches Schläfchen vor allem als günstig für Aufmerksamkeit, Leistungsfähigkeit und Stimmung. Mit einem Kurzschlaf bleibt die Konzentration bis nach 20 Uhr fast konstant. Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf steigt die Leistungskurve zwar an, fällt dann aber rasch wieder ab. Der Mittagsschlaf sollte 15 bis 20 Minuten nicht überschreiten, sonst fällt man in Tiefschlaf und kommt am Nachmittag nur noch schwer wieder auf Touren. Gesunder Nebeneffekt: wer sich drei Mal pro Woche nachmittags für mindestens eine halbe Stunde schlafen legt, verringert das Risiko eines Todes durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 37 Prozent.
Schlafentzug schadet, weil er verhindert, dass sich Nervenzellen im Gehirn regenerieren können.
Nie sind wir so angreifbar wie während dieser Stunden. Heute ist das kein Problem. Doch früher als der Mensch noch jagend und sammelnd unterwegs war, war Schlafen gefährlich, lebensbedrohlich. Für einen intelligenten Jäger waren wir leichte Beute. Doch auch Räuber müssen irgendwann schlafen. Wie eigentlich jedes Lebewesen. Aber Insomnia, Schlaflosigkeit, ist nur eines von vielen Geheimnissen, die mit dem Schlaf in Verbindung stehen. Einige wandeln des Nachts, andere erleben nie die so genannte REM-Phase, den Tiefschlaf, der uns erquickt, wieder andere schlafen jederzeit und überall ein, und können so leicht zur Gefahr für sich und manchmal auch für andere werden.
Doch schon lange bevor solch ernste Befunde vorliegen, leiden schlechte Schläfer unter Tagesmüdigkeit, Erschöpfung, Leistungseinbußen, mangelnder Konzentration und erhöhter Reizbarkeit. Und sie werden zur Gefahr für andere: Wer unter Schlafdefiziten leide, sei anfällig für den gefährlichen Sekundenschlaf am Steuer, betont Dr. Thomas Westermann.
Fast jeder fünfte Unfall auf deutschen Straßen geht nach Einschätzung von Experten auf Sekundenschlaf zurück. Gefährdet sind vor allem Berufskraftfahrer, Autofahrer nach langem Dienst und Pendler, junge Erwachsene nach durchwachter Nacht und Menschen mit krankheitsbedingter Schläfrigkeit. Beim Sekundenschlaf wird die Gehirnaktivität in Sekunden-Bruchteilen heruntergefahren und das Auto ist bis zu fünf Sekunden führerlos. Begleitet wird er von starren Augen, Kopfnicken, verlängertem Lidschluss und Tunnelblick. Gefährlich ist dieses Phänomen vor allem, weil der Autofahrer mit fortschreitender Müdigkeit seine Tauglichkeit zum Fortsetzen der Fahrt immer schlechter beurteilen kann.
Die bekannteste und häufigste ist die Schlafapnoe, Atemstillstände, die pro Nacht mehr als zehn Mal in der Stunde auftreten können und sich durch lautes und unregelmäßiges Schnarchen äußern. Der Körper reagiert jedes Mal mit einer Weckreaktion, um sich vor dem drohenden Ersticken zu schützen. Ein erholsamer Nachtschlaf ist nicht mehr möglich, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche plagen den Betroffenen am folgenden Tag.
Wer unter leichten Schlafstörungen leidet, kann schon mit wenigen einfachen Mitteln seinen Schlaf verbessern: Warme Bäder bei 34 bis 36 Grad mit Melisse, Hopfen oder Baldrianzusätzen, abendliche Spaziergänge, autogenes Training oder anderes Muskelentspannungstraining, ein kühles Schlafzimmer und eine gute Matratze können schon helfen. Wer dennoch Probleme hat, kann mit Techniken aus der Verhaltenstherapie den gesunden Schlaf wieder erlernen. Im Münsterland gibt es Schlaflabore und Schlaftherapeuten, die Hilfe anbieten.
Info:
Insomnie beziehungsweise Hyposomnie heißen Ein- und Durchschlafstörungen in der Nacht, die in der Regel psychische Gründe haben wie zum Beispiel unzureichende Stressbewältigung oder Depressionen.
Hypersomnie nennt man Probleme, tagsüber wach zu bleiben, ungewolltes Einschlafen oder Einnicken am Tage und das Gefühl, trotz ausreichender Schlafdauer permanent schläfrig zu sein.
Parasomnie sind schlafgebundene Störungen wie Erkrankungen in der Übergangsphase zwischen Wachsein und Schlafen, zum Beispiel Schlafwandeln. Häufige Begleiterscheinungen sind nächtliches Aufschrecken, Zähneknirschen oder Alpträume.
Narkolepsie bezeichnet eine chronische Müdigkeit, bei der die Menschen fortwährend einschlafen und sich kaum wach halten können.
Heike Lindemann / Thomas Neutzler Hei