Borken. Ein vielfältiges Musikrogramm, nationale und internationale Musikerinnen und Musiker, intime Clubtatmosphäre mit Kunstambiente und viel Jazz n Soul, dies sind nur einige der Markenzeichen des «Women, Strings and Voices»- Konzerts am Freitagabend im Stadtmuseum Borken. Eigentlich sind es drei Konzerte, das jedes für sich sein Eintrittsgeld wert ist. Das Konzert sollte ganze 180 Minuten dauern!
Von allem Instrumenten scheint die Gitarre fest in männlicher Hand zu sein. Dabei gibt es vielversprechende Ausnahmen und auch weibliche Vorbilder mit Format. Gitarristinnen und Songwriterinnen Christina Lux, Vicki Genfan und Susan Weinert waren zu Gast, das Stadtmuseum bis auf den letzten Platz besetzt und begeistert. Unterstützt wurden die Musikerinnen von Kontrabassist Martin Weinert.
Nach einer suggestiven Soloimprovisation mit Susan und Martin Weinert nimmt die jugendlich wirkende Sängerin Lux mit ihrer dunklen, warm überhauchten Stimme, den kompletten Konzertraum ein, von deren Eindringlichkeit sich jeder Zuhörer sofort angesprochen fühlt. Dazu gibt es zwischen den einzelnen Liedern Intermezzi und Flirts mit dem Publikum.
Die Schwermut lässt Lux einfach nicht los. In Borken fließt das ganze Herzblut der Songwriterin in ihre warme Gitarrenmusik, die für sie gleichermaßen Therapiesitzung, und Profession zu sein scheint. Sehnsucht und Liebeskummer sind die Themen, zu denen die 45-Jährige ihre raue Soul-Stimme mit Jazz und Folkelementen mal zerbrechlich, mal fordernd erhebt. Von der zarten Gitarrenminiatur bis hin zu hymnischen Klängen bietet Lux auch die sperrige Divenhaftigkeit von Größen wie Tori Amos oder Fiona Apple. Die Sängerin, Gitarristin und Komponistin kreiert aus Chansons-, Soul- und Jazz-Elementen einen eigenständigen Stil. Ihre Songs haben die Qualität des Unvergesslichen, ihr Charisma der scheuen, aber entschlossenen Songkünstlerin zieht deshalb ein stetig wachsendes Publikum in den Bann. Ihre Wandlungsfähigkeit und die Ausdruckskraft ihrer poetischen und doch lebensnahen Lieder, die die Künstlerin mit subtilem Humor lakonisch und stets ins Schwarze treffend anmoderiert, überraschen immer wieder.

Fingertapping mit Vicki Genfan
Die 'Guitar Superstar 2008'-Gewinnerin Vicki Genfan aus den USA war am Feitagabend die wohl exzentrischste Gitarristin. Die 51-Jährige bricht einfach die Coolheitsregeln des Indie-Folks, und das ausgerechnet mit Fingertapping, der protzigen Gitarrentechnik aus den 80-igern. Die ehemalige Männerdomäne ist Genfans Geheimwaffe. Ihre "tunings”, die Intervallverhältnisse der Saiten zu einander, die Genfan für jedes ihrer Stücke ändert, setzt die Gitarristin so perfekt um, das ihr perkussives, von Slaps und Tappings dominiertes, Spiel klangvoll zu einem wirkungsvollen Hörgenuss bringt. Vicki Genfan besitzt die herausragende Gabe, etwas körperlich Spürbares zu erzeugen, das doch nicht mehr ist als die durch das Zupfen der Saite entstandene Schwingung der Luft. Diese intime Vertrautheit hat beinahe etwas von Verliebtheit, und die Stille des Publikums verrät viel über dieses Unsichtbare, das an jenem schönen 1. Aprilabend in Borken durch den Saal strömte. Ihre Gitarrenkompositionen und das unglaublich sichere Rhythmusgefühl sind hochgradig virtuos umgesetzt.
Natürlich ist das Publikum im Hintergrund wahrnehmbar, als alle Musikerinnen und Bassist Weinert im Stadtmuseum eine Band bilden. Doch wie bei jeder einzelnen musikalischen Darbietung entspannt sich auch hier eine Art Zwiegespräch, etwas nicht Greifbares beginnt zwischen den Musikerinnen und dem Hörer zu fließen. Und trotz der Präsenz all derer, für die dieses kleine Wunder musikalischer Intimität eigentlich entstand, ist es doch so, als würde man als Zuhörer selbst zum einzigen geduldeten Gesprächspartner in diesem Tempel voller Akkustik und Stimmen.

[Foto: Thomas Neutzler]
Martin Weinert, Susan Weinert, Vicki Genfan und Christina Lux (v.l).
Die Atmosphäre am Freitagabend war zutiefst intim, verträumt und intensiv, positiv, nachdenklich, groovend und virtuos. Ein mitreißender Abend, der erste nach 180 Minuten endete. Jeder einzelne Musiker war das kleine Eintrittsgeld wert. Markus Kemper, Mitorganisator der Borkener "initiative kleinkunst" hat das Konzert mit fünf Wörtern auf dem Punkt gebracht: "Hier hört das Publikum zu.".
Tho