Rein zufällig kommt Tom (Martin Lindow) in einem überfüllten Restaurant mit der übergewichtigen Helen ins Gespräch. Ein beiläufiger Smalltalk, der wider Erwarten tiefere Gefühle weckt. Für Tom ist es der Beginn einer Mutprobe gegen gesellschaftliche Konventionen und innere Barrieren. In seiner 2004 in New York uraufgeführten Tragikomödie "Fettes Schwein" thematisiert der Amerikaner Neil LaBute die Dominanz gesellschaftlicher Zwänge über persönliche Gefühle.
Helen - Katrin Filzen spielt die erotische, freundliche, sinnliche, korpulente Frau ebenso souverän wie dünnhäutig - ist schön, weil sie Charme hat und vor Selbstironie nur so trotzt. Sie ist eins mit sich und ihrer Figur, bis Tom sich in sie verliebt und ganz gewiss nicht ihre inneren Werte meint. Bis Carter, ein Arbeitskollege von Tom, in infamer Weise Toms Liebe verrät und Toms alte Flamme, Jeannie, eifersüchtig auf Helen, sie als "fettes Schwein" beschimpft. Tom merkt, dass er dem äußeren Druck und der Häme, eine fette Freundin zu haben, nicht gewachsen ist. Er lässt sich von Konformitätszwang und sozialer Kontrolle immer mehr verunsichern.
Zart, vulgär, überrumpelnd wahrhaftig, provozierend, aber nie peinlich. Dem Zuschauer werden gnadenlos Gedanken und Gefühle vorgesetzt, die beinahe jeder auch von sich selbst kennt. An manchen Stellen weiß man nicht genau, ob man über die zynischen Bemerkungen lachen darf, oder lieber nachdenken sollte.
bbbHelen bleibt bis kurz vor Schluß des Stückes eine Frau, die trotz ihrer "Dickheit" zu sich selbst steht, an keiner Stelle den Eindruck vermittelt, als schäme sie sich ihres Aussehens, aber auch nicht ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe verbirgt. Tom dagegen ist ein gut aussehender Mann vom Typ Jungmanager mit Manieren, wie der erste Auftritt zeigt; eine Frau zu finden, die gesellschaftlichen Idealen entspricht, scheint für ihn kein Problem zu sein. Sein Freund Carter und seine Möchtegern-Freundin Jeannie mischen sich sofort in Toms Beziehung zu Helen ein, verspotten und verlachen Tom, als sie entdecken, dass seine Freundin ein "fettes Schwein", wie Carter sie nennt, ist, verbreiten ein Foto von ihr gegen Toms Willen auf den Computern der Firma, machen Tom zum Gespött der Arbeitskollegen, vergleichen Dicksein mit körperlichen oder psychischen Behinderungen und stellen Dicke in eine Ecke mit ethnischen Minderheiten und anderen Gruppen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt und verachtet werden.

Benjamin Kernen als Carter
Julia Hansen als Jeannie
Foto: Neutzler
Die Hauptdarsteller Katrin Filzen als Helen und Martin Lindow als Tom sind von der ersten Minute an sehr überzeugend. Beide spielen mit erstaunlicher Wirkung ihre Rollen und ziehen das Publikum sofort auf ihre Seite. Ebenso Julia Hansen (Umbesetzung) als sie sich in eine hysterische, hineinkreischende Jeannie verwandelt. Benjamin Kernen (Umbesetzung), als Carter in der Rolle des "Bösewichts" bietet seinen Charakter mit dem nötigen Biss dar.
"Ich glaube, ich kann das nicht", sagt er traurig zu Helen. Und ist dennoch erleichtert, das er sich gerade von seiner "neuen Liebe" getrennt hat. Tom ist kein feiges Arschloch, er ist einfach schwach und ängstlich. Tom vertritt unsere komplette Gesellschaft - mit der ganzen Scheinheiligkeit. Er wird erst in vielleicht 20 Jahren erfahren - das diese Trennung ein Fehler war.
Das Bühnenbild, bestehend aus weißen Bändern - einem Spinnnennetz der Eitelkeiten, zusammen mit einer eindringlichen Schauspielleistung zeigt ideal den Kreislauf menschlicher Konfusionen, wenn Gesellschaftsideale verlassen werden. Das Stück hat kurze, situative Anklänge an ein Psychodrama, war jedoch überwiegend eine Komödie und zeigte zum Ende einige Schwächen. Dies lag wohl auch daran, das Umbesetzung und kurzfristige Änderungen im Stück, eine kleine Premiere in Borken feierten. Diese Inszenierung ist empfehlenswert!
Tho