-Kolleg in Berlin hat eine Lawine ins Rollen gebracht. Auch im Kreis Borken soll es in den Jahren 1963 bis 1967 sexuellen Missbrauch gegeben haben, wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer bestätigte. Immer neue Fälle werden aus Klosterschulen und Internaten gemeldet. Die meisten Opfer haben jahrzehntelang geschwiegen, jetzt melden sie sich zu Wort. Verantwortliche, Politiker und die Kirche diskutieren nun über die Konsequenzen. Der Vatikan jedoch - empört sich über die Berichterstattung und so manchem Aufklärer wird unterstellt, gemeinsam mit den Medien der Kirche zu schaden und sie als Institution unberechtigt zu attackieren.
Der Vatikan hat nach eigenen Angaben in den vergangenen neun Jahren von rund 3.000 Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche erfahren. Dem Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation Charles Scicluna zufolge sollen zehn Prozent pädophile Übergriffe Geistlicher gewesen sein, der größte Teil hingegen "gleichgeschlechtliche Kontakte" zwischen Geistlichen und Schülern, die bereits über 15 Jahre alt waren.
Die meisten der in den vergangenen Wochen publik gewordenen Missbrauchsfälle an Schulen und kirchlichen Einrichtungen liegen schon Jahrzehnte zurück. Die katholischen Bischöfe sind über das Ausmaß der gemeldeten Fälle entsetzt. Die Glaubwürdigkeit der Kirche in der Öffentlichkeit ist massiv in Frage gestellt. Und so versucht man jetzt mit großer Anstrengung, rückhaltlos aufzuklären und sich auf die Seite der Opfer zustellen. Das Schweigen soll ein Ende haben.
Hat nicht der Staat die Pflicht, unsere Söhne und Töchter vor Missbrauch zu bewahren? Verschweigen und vertuschen hat eine lange Tradition in der Missbrauchsdebatte. Der heutige Papst Benedikt hat zwar eine "Null-Toleranz-Politik" verkündet. Doch noch 2001, als Präfekt der Glaubenskongregation, ermahnte er die Bischöfe der Welt, dass die Fälle sexuellen Missbrauchs der "päpstlichen Schweigepflicht" unterliegen. Wegen dieser Aussage vom 18. Mai 2001 sei er der Hauptverantwortliche für die Vertuschung, sagte der Saarbrücker Theologie-Professor Gotthold Hasenhüttl der "Saarbrücker Zeitung". Der Theologe kritisierte zugleich den Hirtenbrief von Benedikt XVI. zu sexuellem Missbrauch in der irischen Kirche. Der Hirtenbrief sei enttäuschend, weil er auf die entscheidenden Probleme überhaupt nicht eingehe, meinte Hasenhüttl. Benedikt wolle die Taten "relativieren", indem er schreibe, dass die Missbrauchsfälle kein rein kirchliches Problem seien.
Von den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen habe Ratzinger ohne Zweifel gewusst, heisst es in einem Gastbeitrag, den der Schweizer Theologe Hans Küng für die "Süddeutsche Zeitung" geschrieben hat. Schliesslich sei er acht Jahre lang Professor in Regensburg gewesen und habe eine sehr enge Verbindung zu seinem Bruder Georg gehabt, der damals Domkapellmeister war.
In einem jetzt bekanntgewordenen Fall aus den USA richtet sich ein Vorwurf auch an den heutigen Papst:
"Wir wollen, dass er diese Mauer des Schweigens einreißt, die in unserer Kirche soviel Schaden zugefügt hat", sagt Peter Isely vom Opferverband SNAP und selbst ein Missbrauchsopfer; "und er soll die Akten öffnen, damit wir genau sehen, wie er mit diesen Fällen umgegangen ist."
Die New York Times hat Dokumente vorgelegt, nach denen der Papst – damals noch Kardinal Joseph Ratzinger und als Leiter der Glaubenskongregation der zuständige Mann in Rom – nichts unternommen haben soll in einem Fall, der ihm bekannt wurde. Dabei ging es um Lawrence Murphy – einen Pfarrer, der eine Schule für Gehörlose leitete und sich dort bis 1974 an rund zweihundert Jungen vergangen haben soll. Als Vorwürfe gegen ihn laut wurden, wurde er versetzt.
So war es unerhört, als Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Vorsitzende der Christdemokraten und somit auch politische Führerin der Christen Deutschlands, den Papst vor einer Weile kritisiert hat wegen seiner Einstellung zu einem Bischof, der den Holocaust leugnet. Und nun wagt es eine zweite 'unverschämte' Politikerin, [Sabine] Leutheusser-Schnarrenberger, der Kirche an die Gurgel zu gehen. Die Aussagen der Justizministerin zeugen eigentlich von nichts anderem, als was der Großteil der Deutschen laut Meinungsumfragen im Moment fühlt: ein tiefes Misstrauen gegenüber der katholischen Kirche."
Die Sozialethikerin, Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins, vom Exzellenzcluster «Religion und Politik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) warnte die kirchliche Leitung davor, bei Missbrauchsverdacht ausschließlich kirchenintern zu ermitteln. "Wo strafrechtlich relevante Tatbestände manifest werden, sollten diese der strafrechtlichen Verfolgung nicht vorenthalten werden."
Einige Städte in NRW verzeichnen seit kurzem überdurchschnittlich hohe Kirchenaustrittszahlen. Im März verzeichnete das Amtsgericht Münster fast doppelt so viele Kirchenaustritte wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Nur noch 17 Prozent vertrauen aktuell der katholischen Kirche, und nur 24 Prozent dem Papst. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Magazins "Stern". Eine Reaktion auf die Missbrauchsskandale?
Tatsache ist, dass die katholische Kirche nur das untersucht, was nicht mehr verschwiegen werden kann.
Missbrauch von Minderjährigen lassen sich nicht allein mit rechtlichen Mitteln bekämpfen. Und härtere Strafen zur Abschreckung verringern auch nicht die Leiden der Opfer. Die traumatische Erfahrung durch Missbrauch prägt Heranwachsende ein Leben lang. Die meisten Kinder zeigen nach einem erfolgten sexuellen Missbrauch keine physischen Auffälligkeiten oder solche, die nur durch eine ärztliche Untersuchung festgestellt werden können. Rund 40% der Kinder weisen auch in ihrem Verhalten keine deutlichen Veränderungen auf. Die meisten Kinder wagen es nicht, das Erlebte direkt zu berichten, ihre versteckten Signale sind vielfältig und nicht immer leicht zu deuten. Die Ursache einer Verhaltensauffälligkeit ist nicht immer leicht zu erkennen und viele Signale können, müssen aber nicht sexuelle Gewalterfahrungen zur Ursache haben. Jedes Kind reagiert anders auf erfahrenen Missbrauch. Ein missbrauchtes Kind wird in seiner Entwicklung gestört, die altersgemäßen psychischen Prozesse können nicht oder nur unzureichend stattfinden. Depressionen sind häufig die Folge, wenn es nicht gelingt, das Trauma des Missbrauchs zu überwinden.
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