"Aphrodisiakum" vor. "Wo ist Borken?" Gerade mal 150 Besucher zog es in den Vennehof. Am Ende sangen alle mit und erlebten ein Spitzenkonzert.
Sie nennen sich Popacappellacomedy-Gruppe und beweisen schon seit fast 19 Jahren, dass die Verbindung zwischen Kleinkunst und Popmusik durchaus erfolgreich sein kann – "Ganz schön feist". Ihre Musik ist warm, wohlklingend, mal poppig, mal extradezent schwul, ihre Texte haben subtilen Witz. Selbst wenn Sie sprechen, singen Sie. "Ganz schön feist" – das sind Sänger und Texter Mathias Zeh sowie die beiden Musiker Rainer Schacht und Beo Brockhausen.
1991 gewann das Trio den Deutscher Rockpreis, 1998 wurden die Musiker mit dem "Prix Pantheon" – Publikumspreis belohnt. Es folgten weitere Musik und Comedypreise. Borken kennt das Trio anscheinend nicht! Genervt schienen die drei Popacappellacomedy's zu Anfang der Veranstaltung. Wenig schmeichelhafte Ode an den Landkreis, bitterböse Abrechnung mit der Bundesgartenshow 98', wo Blumentöpfe auf die Bühne geflogen sein sollen. Und die Frage, kommt der Borkener nun mit "Nutzfahrzeugen" zu den Kulturveranstaltungen - haben Enten Ohren, oder nicht?
"Wenn ich in Borken ein Haus hätte, ich würde es verkaufen ... und nach Berlin ziehen." An Selbstironie mangelt es "Ganz schön feist" nicht und austeilen kann das A cappella-Trio bekanntlich ebenfalls. Den Kontakt mit dem Publikum und den Geschichten aus dem Leben macht ihnen keine andere Vokalgruppe nach: Der Mix aus Langeweile, Ironie, Wort und Witz, Rhythmus und Körperlichkeit, Stimmenkultur und Literatur, Jazz und Pop, Musikalität und Show. Und so kam es, wie es kommen musste. Ganz schön feist hatte das Borkener Publikum nach zwanzig Minuten in ihren Bann gezogen.
Im "Raffaello"-Look - weiße Anzüge schwarzes Hemd - begeisterten die Musiker die Fangemeinde und die, die es am Sonntag geworden sind. "Ich bin bereits neunmal auf einem 'Ganz schön feist'-Konzert gewesen und bin wieder begeistert", erzählt Stefan Mellres aus Kassel und freut sich, das er und seine Begleitung erstmalig so dicht an der Bühne sitzen kann. Mühevoll gestaltet sich die Suche nach den Borkenern an diesem Abend. Erika Neumann aus Bonn, die mit ihrem Ex-Lebensgefährten aus Velen zu Gast war sagt: "Ganz schön feist" - die Musik ist für Frauen und die Männer der Band auch. Sind sie nicht lecker? Das mag 'Mann' auf dem Land nicht so. Ich habe mein 'Landei'-Leben vor acht Jahren verlassen und bin nach Bonn gezogen." Petra Merhagen aus Düsseldorf sagt: "Es gibt für mich keine andere Acapella-Band, die aus dem Bauch spricht und singt". In der Pause dann eine Erlösung: Reihe elf in der Mitte. Eine junge Frau, die in einem Borkener Ticketcenter arbeitet. Sie erlebt das Trio zum ersten Mal.
"Zärtlichkeiten sind zwar auch ganz schön, aber heute wird es auch mal ohne geh'n." Die Komik des Trio's liegt im und zwischen den Songs, dem Wort und Auftritt. Frech, anregend und wunderbar Intelligent. Trotz langer Zusammenarbeit überraschten sich die Männer mit Improvisationen gegenseitig und vermittelten ihren Spaß auch ganz direkt. Das war nicht gespielt oder lange geprobt. Es war kein durch und overstyltes Konzert! Wie also kann dieser Abend an die Borkener herangetragen werden, die am Sonntag nicht im Vennehof waren.
Die Truppe gab die Antwort selbst: Atmosphäre!
"Atmo steigt nach oben und kommt über .... diese schöne Decke (im Vennehof) ... zu uns. Wir atmen die Atmo ein und singen sie wieder raus". "Ganz schön feist" versprühte in Borken ihren eigenen persönlichen und unverwechselbaren Stil, der einerseits durch hohes Können und Virtuosität als auch durch Klangvielfalt und seine mitreißende Ausdruckskraft, gekennzeichnet ist. Mit diesen Fertigkeiten schaffte es das Trio eine dichte, intensive Atmosphäre zu schaffen, die Sie zwischen den Stücken in eine lockere Comedysession übergehen ließen, in der Amüsantes und Wissenswertes über das Leben erzählt wurden.
"Was ist die schönste Sache, die man zu zweit machen kann? ... Am schönsten ist es, wenn beide was davon haben."
Ab 21:45 Uhr gab es langanhaltendem rhythmischen Applaus. Das Publikum sang mit und Julian Körne aus Essen bekam "eine Gänsehaut". Es dürfte nicht die Einzige gewesen sein. Um 22:15 Uhr war Schluß. Oder doch nicht; "Ganz schön feist" hatte angekündigt - das Hotel Lindenhof bis Montag auseinanderzunehmen.
Ganz schön feist in Borken. Phantastischen Songs und wunderschönen Projektionen des Lebens. Es war ein Klassekonzert!
Tho